Im Kreislauf alltäglicher Gewalt

Die meisten Frauen Indiens haben ein unvergleichbar hartes Los. Diskriminiert schon von Geburt an, sind zwei von drei Frauen Opfer häuslicher Gewalt. Jede fünfte Frau dieses Landes wird im Laufe ihres Lebens Opfer von Vergewaltigung, versuchter Vergewaltigung oder anderweitiger Misshandlung. Das indische Gesetz räumt Männern und Frauen zwar gleiche Rechte ein, doch die Realität sieht anders aus. Diskriminierung und Misshandlung von Frauen werden zunehmend ein größeres Problem. Während im Westen die Frau als gleichberechtigt angesehen wird, werden viele indische Frauen immer noch mit Schlägen und Gewaltakten unterdrückt. Viele der misshandelten Frauen, sind Dalit- Frauen, Angehörige der niedrigsten Kaste. Sie haben nicht nur mit Gewalt von Männern aus der gleichen Gesellschaftsschicht zu kämpfen, sondern auch mit der, die ihnen von Angehörigen höherer Kasten angetan wird.

Über ein Jahr habe ich in Indien verbracht. Ich bin vielen Frauen begegnet, interessanten, starken Frauen, unter denen es jedoch nur 

ganz wenige gab, die sich gegen die ihnen angetane Gewalt und Diskriminierung gewehrt hatten. Anfangs, bei meiner ersten Reise, war es für mich als westliche Frau schwer, Zugang zu der Welt der indischen Frauen zu finden.

Wo sind sie - die Frauen Indiens? Auf den Straßen begegnet man ihnen kaum und wenn, dann meist in Begleitung von Männern. Doch nach und nach bekam ich Einblicke in ihren Alltag. Indem ich in indischen Familien mit den Frauen lebte, erschloss sich mir ihre Welt. Eine Welt des ununterbrochenen Beschäftigt seins, von morgens noch vor Sonnenauf- bis abends weit nach -untergang. Alltägliche Arbeiten mit einer Unerschöpflichkeit, bei denen mein verwöhnter Körper schon längst kollabiert wäre. Immer wieder versetzten mich diese starken, zerbrechlich erscheinenden, kleinen Körper aufs Neue in Erstaunen. Ich bewunderte den Optimismus der Frauen, freute mich daran, mit welcher Würde sie ihr unvergleichlich hartes Los tragen, freute mich an den 

Momenten ihres Lachens. Ich war aber auch verwundert über den sich von Generation zu Generation wiederholenden Kreislauf der Gewalt und des Leids. Trotz des Wissens um das am eigenen Körper erfahrene Elend verheiraten immer noch Eltern ihre Mädchen im Kindesalter. Und trotz der eigenen Erfahrung werden die meisten Schwiegertöchter von ihren Schwiegermüttern einzig als willkommene Arbeitskraft, jedoch unwillkommene Esserin behandelt. Die Väter und Großväter fungieren hierbei als Vorbilder der Männer. In purer Nachahmung bringen die meisten Männer ihren Frauen ebenso wenig Respekt entgegen wie ihre Väter ihren Müttern.

Immer und immer wieder drängte sich mir hier die Frage auf: Warum. Auf der Suche nach Antworten begann ich, die Frauen, denen ich begegnete, zu portraitieren, versuchte ihre Geschichten in Bildern festzuhalten. In Bildern, welche die Würde, die sie sich in ihren Kämpfen bewahrt haben, aber auch ihre jeweilige Verletzlichkeit zeigen.