Leben nach dem Überleben

„In der Nacht vom 10 zum 11 Juni wurde mein Vater vergast. Wir sahen durch die kleinen Fensterscheiben von oben was im Krematorium passierte. Von uns 86 Jungs konnte keiner weinen. Seit diesem Moment waren wir verändert. Wir wurden hart der Außenwelt gegenüber.“

Überlebende des Holocaust wurden von physischer Qual, Verfolgung, Ausbeutung, Gewalt und Terror befreit. Ihre Befreiung war eine Rettung vor dem Tod, aber keine Erlösung für das Leben. Denn die persönliche Vergangenheit, das Leid und die Verletzungen sind auch viele Jahre nach der Verfolgung noch allgegenwärtig. Mit fortschreitendem Alter kehren lange verdrängte traumatische Erfahrungen mit brutaler Wucht ins Bewusstsein zurück. Überlebende leiden oftmals an der Kombination von post-traumatischen Symptomen und altersbedingter Depression und Isolation. Sie sind überwältigt von Schuldgefühlen, Sorgen, Albträumen und Angst vor imaginären Gefahren und wirklichen Katastrophen.

„Diesen Sommer durch den Krieg hatte ich einen totalen Zusammenbruch. Ich weinte stundenlang und konnte einfach nicht aufhören.“

Viele Monate lang begleitete ich in Zusammenarbeit mit der israelischen psychosozialen Hilfsorganisation AMCHA Überlebende des Holocaust und ihre Familien in Israel. Bilder und Zitate von drei Generationen zeigen die emotionalen Spuren einer immer noch präsenten Vergangenheit. Momente, die geprägt sind von tiefer Einsamkeit, Angst, Trauer und den damit verbundenen Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen. Aber auch von Hoffnung, von wiedergewonnener Freude an der Gegenwart und einer zutiefst beeindruckenden Vitalität und Lebensbejahung